Die Traurigkeit und die Wut – von Jorge Bucay

Heute möchte ich dir eine kleine Geschichte aus dem neuen Buch „Eine traurige, gar nicht so traurige Geschichte“ von Jorge Bucay vorstellen. Und auch das Buch ist, klein, sehr sehr klein und sehr hübsch gestaltet. Die Geschichten von Jorge Bucay sind wie immer, so finde ich, groß, sehr sehr groß. Mich inspirieren die Geschichten sehr. Die Interpretation überlasse ich dir.

traurigkeit_jorge_bucayAus dem Buch: Eine traurige, gar nicht so traurige Geschichte, von Jorge Bucay

In einem zauberhaften Königreich, zudem die Menschen keinen Zugang haben oder das sie nicht wahrnehmen, obwohl sie sich darin bewegen… In einem magischen Königreich, indem die nicht greifbaren Dinge Gestalt annehmen…

In diesem Königreich gab es mal einen wundersamen See.

Es war eine Lagune mit kristallklarem Wasser, darin schwammen Fische in allen nur denkbaren Farben und sämtlichen Schattierungen von Grün spiegelten sich darin.

Zu diesem magischen kristallklarem See kamen eines Tages einander Gesellschaft leistend die Trauer und die Wut, um ein Bad zu nehmen. Die beiden legten ihre Kleider ab und stiegen nackt in den See. Die Wut, die es immer eilig hatte und gehetzt war ohne zu wissen warum, tauchte schnell unter und stieg dann noch schneller wieder aus dem Wasser… Aber die Wut ist blind, oder zumindest nimmt sie die Realität nicht richtig wahr und so zog sie sich, als sie nackt und gehetzt aus dem Wasser kam, die erstbesten Kleider an, die sie fand…

Und es geschah, das es nicht ihre Kleider waren, sondern diejenigen der Traurigkeit. Und die Wut ging als Traurigkeit verkleidet davon.

Ganz ruhig und gelassen, wie immer gerne bereit an einem Ort zu verweilen, beendete die Traurigkeit ihr Bad und entstieg langsam und ohne jede Hast (oder vielmehr ohne jedes Zeitgefühl) dem See. Am Ufer stellte sie fest, das ihre Kleider verschwunden waren. Wie wir alle wissen mag es die Traurigkeit nicht, nackt und bloß dazustehen. Und so zog sie sich die Kleider an, die noch am See lagen: Die Kleider der Wut.

Seit damals, so heißt es, begegnet man immer wieder der grausamen, blind um sich schlagenden Wut. Doch wenn wir uns die Zeit nehmen und genau hinschauen, erkennen wir, das die Wut, die wir sehen nur eine Verkleidung ist, eine Maske. Und das sich hinter der Maske der Wut in Wirklichkeit immer die Traurigkeit verbirgt.

Tipp: Mehr zu Jorge Bucay und Lesung am 08.09.2015 in München

 

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